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Wie viele Aktien braucht ein Depot? Warum wir mit 12 Positionen gegen den Markt antreten
Zehn? Fünfundzwanzig? Vierzig? Kaum eine Frage spaltet Privatanleger so sehr wie die nach der richtigen Depotgröße. Wir beantworten sie mit Studien, den Regeln der besten Investoren – und einem Experiment, das man live verfolgen kann.
01 Die kurze Antwort
Für die meisten Privatanleger liegt der Sweet Spot bei 15 bis 25 Aktien aus unterschiedlichen Branchen. Weniger geht – wenn man jede Position wirklich versteht und mit stärkeren Schwankungen leben kann. Mehr geht auch – bringt aber ab etwa 25 bis 30 Positionen kaum noch zusätzliche Sicherheit, dafür sicher mehr Aufwand. Wer 40 und mehr Einzelwerte hält, baut faktisch einen Index nach, nur teurer und anstrengender.
So weit die Theorie, die in jedem Ratgeber steht. Was fast nie dabei steht: Warum das so ist, wo die Grenzen der Faustregel liegen – und wie sich ein bewusst konzentriertes Depot in der Praxis schlägt. Genau das schauen wir uns jetzt an, inklusive eines Experiments, das wir seit Juni 2025 öffentlich laufen lassen.
02 Was Diversifikation wirklich bringt
Das Risiko einer Aktie besteht aus zwei Teilen. Das Marktrisiko (systematisches Risiko) trifft alle: Zinsen, Rezessionen, Kriege, Pandemien. Dagegen hilft keine noch so breite Streuung über Aktien. Das Einzelwert-Risiko (unsystematisches Risiko) betrifft nur ein Unternehmen: der Bilanzskandal, das gescheiterte Medikament, der disruptierte Geschäftszweig. Und genau dieses Risiko lässt sich wegdiversifizieren – erstaunlich schnell.
Die Erkenntnis der Finanzforschung seit den 1960er-Jahren ist bemerkenswert stabil: Der größte Teil des Diversifikationseffekts ist mit 10 bis 20 Aktien erreicht. Schon wenige, breit über Branchen gestreute Titel eliminieren den Löwenanteil des Einzelwert-Risikos. Danach flacht die Kurve dramatisch ab – der Schritt von 20 auf 40 Aktien bringt nur noch einen Bruchteil dessen, was der Schritt von 2 auf 10 gebracht hat.
Wichtig ist die Einschränkung: Das gilt für echte Streuung. Zehn Tech-Aktien sind keine Diversifikation, sondern eine Sektorwette in zehn Ausführungen. Wer 2022 Microsoft, Meta, Nvidia, Amazon und fünf weitere Tech-Werte hielt, hat das im Depot deutlich gespürt. Entscheidend ist die Korrelation zwischen den Positionen, nicht ihre bloße Anzahl.
03 Diworsification: Ab wann mehr Aktien schaden
Der Begriff stammt von Peter Lynch, dem legendären Manager des Fidelity Magellan Fund, aus seinem Klassiker One Up on Wall Street: Diworsification – Diversifikation, die das Depot verschlechtert. Gemeint war ursprünglich Unternehmen, die sich in fremde Geschäftsfelder verzetteln. Auf Privatanleger übertragen beschreibt es ein Depot, das durch immer neue Positionen nicht sicherer, sondern nur unübersichtlicher wird.
Die Mechanik dahinter hat drei Stufen:
Erstens: Der Risiko-Nutzen verschwindet. Wie die Kurve oben zeigt, senkt Position Nummer 35 das Risiko praktisch nicht mehr. Man sammelt Aufwand ohne Gegenwert.
Zweitens: Die besten Ideen verwässern. Wenn die Überzeugungsposition 2,5 % des Depots wiegt, bewegt selbst eine Kursverdopplung das Gesamtdepot nur um 2,5 Prozentpunkte. Wer 40 Positionen hält, hat mathematisch garantiert, dass keine einzelne Entscheidung mehr einen Unterschied macht – im Guten wie im Schlechten. Man nähert sich der Marktrendite an, bezahlt dafür aber mit Ordergebühren, Steuerkomplexität und Zeit.
Drittens: Die Kontrolle geht verloren. Ein Depot mit 15 Positionen kann man kennen: Quartalszahlen lesen, Thesen überprüfen, Warnsignale erkennen. Bei 40+ Positionen liest niemand mehr 160 Quartalsberichte im Jahr. Es entstehen „Depot-Leichen": Positionen, die niemand mehr aktiv hält, sondern nur noch vergessen hat zu verkaufen.
04 Was die besten Investoren sagen
Interessanterweise sind sich die erfolgreichsten Stockpicker der Geschichte in dieser Frage weitgehend einig – und zwar auf der Seite der Konzentration.
Warren Buffett hat Diversifikation sinngemäß als Schutz vor der eigenen Unwissenheit beschrieben: sinnvoll für alle, die nicht wissen, was sie tun – und weitgehend unnötig für die, die es wissen. Berkshire Hathaways Aktienportfolio war über Jahrzehnte extrem kopflastig; zeitweise steckte fast die Hälfte in einer einzigen Position (Apple). Charlie Munger ging noch weiter und hielt drei hervorragende Unternehmen für ausreichend Streuung im Leben einer Familie. Und Peter Lynch, der in seinem Fonds aus regulatorischen Gründen hunderte Positionen hielt, riet Privatanlegern zum Gegenteil seiner eigenen Zwangslage: einige wenige Unternehmen, die man wirklich durchdringt.
Der gemeinsame Nenner: Konzentration ist kein erhöhtes Risiko, wenn sie mit Wissen einhergeht – sie ist erhöhtes Risiko, wenn sie mit Selbstüberschätzung einhergeht. Und genau hier liegt das Problem für Privatanleger: Woher weiß man, auf welcher Seite dieser Linie man steht?
Unsere Antwort darauf ist ungewöhnlich: Wir testen es. Öffentlich.
05 Unser Live-Experiment: 12 Positionen gegen den Markt
Seit Juni 2025 läuft in unserem Podcast ein Experiment, das es in dieser Form kein zweites Mal gibt: Der KIPtalist – ein KI-Fondsmanager – verwaltet ein reales Portfolio, das über wikifolio öffentlich nachvollziehbar ist. Jeder Trade, jede Gewichtung, jeder Fehler: einsehbar. Sein Mandat: den MSCI World schlagen. Und seine erste, wichtigste Regel lautet:
- Maximal 12–13 Positionen. Für jeden Neuzugang muss eine bestehende Position weichen oder deutlich schrumpfen.
- Kein Trade ohne dokumentierten Trigger – Bewertungsrücksetzer, Katalysator oder Risikosignal. „Das Handelsfenster ist offen" ist kein Grund.
- Dem Markt ist der Einstandskurs egal. Gehalten wird nur, was man heute wieder kaufen würde. Verluste werden geschnitten, Gewinner laufen gelassen.
- Cash-Reserve von 3–5 % als Munition für Rücksetzer – nicht als Dauerparkplatz.
Die Positionsobergrenze ist dabei kein Selbstzweck, sondern erzwingt Disziplin: Wer nur 12 Plätze hat, muss für jede neue Idee eine alte opfern – und vergleicht damit automatisch jede Position gegen die beste verfügbare Alternative. Genau dieser Mechanismus fehlt in Depots, die einfach immer weiter wachsen.
Zwischenstand nach gut einem Jahr: rund +19,7 % seit Auflage – vor dem MSCI World und vor beiden menschlichen Depots im Wettkampf. Ein Beweis ist das noch nicht; ein gutes Jahr macht keine Strategie. Aber es zeigt, dass ein konsequent geführtes 12-Positionen-Depot keineswegs das Himmelfahrtskommando ist, als das konzentrierte Depots oft dargestellt werden. Das Experiment läuft weiter – und das aktuelle Ranking steht jeden Monat im Scoreboard.
Übrigens funktioniert die Regel auch beim Verkaufen: Als sich der Kauf von Novo Nordisk im Juli 2026 binnen Wochen als Fehlgriff entpuppte, flog die Position mit rund 8 % Verlust wieder raus – Regel 3, keine Diskussion. In einem 44-Positionen-Depot wäre dieselbe Aktie vermutlich als vergessene 2-%-Leiche liegengeblieben.
06 Die ehrliche Beichte: 44 Positionen
Und jetzt der unbequeme Teil dieses Artikels. Während die KI mit eiserner 12-Positionen-Disziplin unterwegs ist, hält Philipp – ausgerechnet der Value-Investor unter uns – privat 44 Positionen, verteilt auf zwei Depots. Gewachsen über Jahre, aus guten Einzelentscheidungen, spannenden Ideen und dem einen oder anderen „kann man ja mal klein reinnehmen".
Das Ergebnis ist ein Lehrbuchbeispiel für die Mechanik aus Abschnitt 3: Das Depot mit den großen Überzeugungspositionen läuft deutlich besser als das Sammeldepot mit den vielen kleinen Experimenten. Die stärksten Ideen sind zu klein gewichtet, um durchzuschlagen, etliche Kleinstpositionen unter 200 € kosten Aufmerksamkeit, ohne je einen Unterschied machen zu können.
Die Konsequenz: ein Umbau von 44 auf rund 26 Positionen mit klarer Struktur – Dividendenwachstum als Kern, ergänzt um einen Wachstumsblock und eine stabile Ertragsbasis. Wie dieser Umbau konkret abläuft, welche Positionen gehen und in welcher Reihenfolge, besprechen wir ausführlich im Podcast. Der KIPtalist wird es sich nicht nehmen lassen, das zu kommentieren.
Warum wir das so offen erzählen? Weil es der ehrlichste Beweis für die These dieses Artikels ist: Diworsification passiert nicht dummen Anlegern. Sie passiert schleichend – auch denen, die es eigentlich besser wissen.
07 Konzentration vs. Diversifikation: der faire Vergleich
Konzentriert (10–15 Positionen)
- Jede Idee zählt: Die besten Entscheidungen schlagen spürbar aufs Depot durch – Überrendite ist überhaupt erst möglich.
- Volle Kontrolle: Jede Position lässt sich wirklich verfolgen – Quartalszahlen, These, Warnsignale.
- Eingebaute Disziplin: Begrenzte Plätze erzwingen den ständigen Vergleich mit der besten Alternative.
- Der Preis: Höhere Schwankungen und echte Abhängigkeit von der eigenen Urteilskraft – Fehler tun sichtbar weh.
Breit gestreut (25+ / ETF)
- Fehlertoleranz: Kein Einzelwert kann das Depot ruinieren – ideal, wenn Zeit oder Interesse für Analyse fehlen.
- Marktrendite garantiert: Wer den Index abbildet, wird ihn nie deutlich unterperformen – langfristig schlägt das die meisten aktiven Anleger.
- Psychologisch leichter: Schwankungen einzelner Titel fallen kaum auf, Panikverkäufe werden unwahrscheinlicher.
- Der Preis: Überrendite ist praktisch ausgeschlossen – und ab ~30 Einzeltiteln ist der ETF die ehrlichere und billigere Lösung.
Der oft übersehene Punkt: Beides ist legitim – nur das Dazwischen ist tückisch. Ein 44-Positionen-Einzelaktiendepot kombiniert die Nachteile beider Welten: den Aufwand des Stockpickings mit der Renditeerwartung des Index.
08 Wie viele Aktien für dich? Ein ehrlicher Leitfaden
| Anlegertyp | Sinnvoller Rahmen | Voraussetzung |
|---|---|---|
| Einsteiger / wenig Zeit | 1–2 ETFs, dazu 0–5 Einzelaktien | Welt-ETF als Kern; Einzelaktien nur als bewusstes „Lernbudget" |
| Engagierter Privatanleger | 15–25 Aktien | 2–4 Stunden pro Woche, Streuung über mind. 6–8 Branchen |
| Überzeugter Stockpicker | 10–15 Aktien | Jede Position mit dokumentierter These und Verkaufskriterium |
| Einkommensinvestor | 20–30 Dividendenwerte | Fokus auf Ausschüttungsstabilität statt Maximalrendite |
Faustregeln, keine Anlageberatung. Entscheidend sind persönliche Ziele, Anlagehorizont und Risikotragfähigkeit.
Drei Kontrollfragen helfen mehr als jede Tabelle: Kann ich zu jeder Position in zwei Sätzen sagen, warum ich sie halte? Wenn nein: zu viele. Würde ich jede Position heute wieder kaufen? Wenn nein: Verkaufskandidaten gefunden. Bewegt meine beste Idee das Depot spürbar, wenn sie aufgeht? Wenn nein: zu stark verwässert.
09 Das KIPtalist-Verdict
Wie bei jedem unserer Artikel gibt es zum Abschluss die Zweitmeinung unseres KI-Fondsmanagers – der bei diesem Thema naturgemäß nicht ganz neutral ist:
10 Fazit
Die Frage „Wie viele Aktien?" hat eine überraschend klare wissenschaftliche Antwort – der Risikonutzen zusätzlicher Positionen ist ab 20 bis 25 weitgehend ausgereizt – und eine unbequeme praktische: Die meisten Depots sind nicht zu konzentriert, sondern zu zersplittert. Wer Einzelaktien kauft, sollte so viele halten, wie er wirklich kennen kann, und so wenige, dass die besten Ideen noch zählen. Für die meisten heißt das 15 bis 25; für disziplinierte Stockpicker auch weniger. Und wer merkt, dass er heimlich einen Index nachbaut, sollte konsequent sein – in die eine oder die andere Richtung.
Wir liefern zu dieser Frage etwas, das kein Lehrbuch kann: den Langzeittest unter realen Bedingungen. Mensch mit gewachsenem Depot gegen KI mit harter Positionsgrenze – jeden Freitag neu. Wie eine konzentrierte Einzelwert-Entscheidung in der Praxis aussieht, zeigt übrigens unsere Alphabet-Analyse – inklusive dokumentiertem Kauf-Trigger.
Häufige Fragen zur Depotgröße
Wie viele Aktien sollte man im Depot haben?
Für die meisten Privatanleger sind 15 bis 25 Aktien aus unterschiedlichen Branchen ein sinnvoller Rahmen: genug Streuung gegen das Einzelwert-Risiko, aber wenig genug, um jede Position wirklich zu verstehen. Konzentrierte Stockpicker arbeiten mit 10 bis 15 Positionen, defensive Anleger mit 25 bis 30 – oder kombinieren wenige Einzelaktien mit einem ETF-Kern.
Was bedeutet Diworsification?
Ein von Peter Lynch geprägter Begriff für Diversifikation, die dem Depot schadet: Immer mehr Positionen senken das Risiko kaum noch, verwässern aber die besten Ideen, kosten Überblick und nähern die Rendite dem Index an – bei höherem Aufwand und höheren Kosten.
Ist ein Depot mit nur 10 bis 12 Aktien zu riskant?
Nicht zwingend. Bereits 10 bis 15 breit über Branchen gestreute Aktien eliminieren den Großteil des unsystematischen Risikos. Ein konzentriertes Depot schwankt stärker als ein Index – das ist der Preis für die Chance auf Überrendite. Voraussetzung ist, dass der Anleger jede Position versteht und die Streuung über Branchen echt ist.
Sind 40 oder mehr Aktien im Depot zu viele?
Für Privatanleger in der Regel ja. Ab etwa 25 bis 30 Positionen sinkt das Risiko kaum noch messbar, während Analysetiefe und der Einfluss der besten Ideen abnehmen. Wer 40+ Einzelwerte hält, bildet faktisch einen selbstgebauten Index nach – dann ist ein ETF meist die ehrlichere und günstigere Lösung.
Mensch gegen Maschine – wer schlägt den Markt?
Bei Aktien Buddies by Modern Value Investing analysieren Philipp und Marcel jeden Freitag Aktien und Depot-Strategien wie diese – und treten dabei mit ihren echten Depots gegen den KIPtalist an, unseren KI-Fondsmanager mit öffentlich trackbarem 12-Positionen-Portfolio. Wer liegt vorn? Die Antwort gibt's jede Woche neu.
Transparenzhinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und Unterhaltung und stellt keine Anlageberatung, Steuerberatung oder Kaufempfehlung im Sinne des WpHG dar. Investitionen in Wertpapiere sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Genannte Studienergebnisse sind vereinfachte Zusammenfassungen; historische Ergebnisse sind kein Indikator für zukünftige Entwicklungen. Die Autoren und/oder das im Podcast begleitete Musterportfolio können Positionen in besprochenen Wertpapieren halten.
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